BROKALHAUS

Das intermediale Kunst-Projekt

 

Ira Dei (Zorn Gottes) 
Das Märchen vom goldenen Westen
Ein Rachedrama der Ira Raskolnikowa

von hwmueller

 

Beteiligte:


1 Tänzerin
1 Musiker (wechselnde Besetzung)
1 Sprecher

 

Die Tänzerin und der Musiker interpretieren den vorgetragenen Text der Geschichte frei.

 

Vorspiel

Vor langer Zeit lag im tiefen Osten des großen Reiches, zwischen sanften Hügeln und stillen Flüssen, ein kleines, unscheinbares Dorf.

Das Leben dort war schlicht und entbehrungsreich. Die Erde gab zwar wenig her, doch die Menschen dort besaßen etwas Wertvolleres als Gold: Gemeinsamkeit und Zusammenhalt. Alle waren gleich, niemand herrschte über den Anderen. Sie teilten das Wenige, halfen einander und standen in der Not füreinander ein.

Unter ihnen lebte Ira Raskolnikowa.

Sie war von großer Anmut und besaß ein reines Herz. Sie begegnete jedem mit Freundlichkeit, sprach niemals ein hartes Wort und verrichtete ihre schwere Arbeit ohne Klage. Selbst nach einem langen Tag auf den Feldern half sie den Alten des Dorfes, brachte Wasser, hackte Holz und pflegte Kranke.

So vergingen die Tage in stiller Eintracht.

Bis eines Tages ein Bote ins Dorf kam.

Staub bedeckt ritt er auf den Dorfplatz und verkündete:
„Hört, ihr Menschen des Ostens! Der alte Fürst ist tot. Dieses Land fällt nun dem Fürsten des Westens zu. Lange war das Reich entzweit – nun soll es wieder brüderlich vereint sein.“

Da rief jemand mit erhobener Faust:
„Und was ist mit den Schwestern?“

Der Bote stockte und verstand sogleich:
„Natürlich: Brüderlich und schwesterlich vereint“, verbesserte er sich hastig. „Freut euch, denn der neue Herrscher ist bereits unterwegs.“

Die Dorfbewohner jubelten ob des Wohlstands und der Freiheit, die in dieser Botschaft verborgen lag.

Niemand ahnte aber, welchen Schatten die Ankunft des neuen Herren über das Dorf bringen würde.


Die Ankunft des Herrn

Das Dorf war festlich geschmückt.

Als der neue Herr erschien, besichtigte er schweigend den Ort. Gerade als der Dorfälteste, Väterchen Baba ihn zu Tisch bitten wollte, sprach er knapp:
„Ich werde dieses Dorf nicht behalten. Es ist mir dann doch zu schäbig. Gebt mir etwas zum Tausch.“

Entsetzen breitete sich aus. Aus Hoffnung wurde zu Angst.

Da trat Ira vor und sagte:
„Mein Herr, man sagt, Ihr habt keine Gemahlin, die Euch einen Erben schenken kann. Wenn ich Euch begleite und Euch einen Nachkommen austrage – würdet Ihr unser Dorf in eure gütigen und schützenden Hände nehmen?“

Der Fürst sah sie lange an.
 „Gebärst du mir einen Erben, so bleibt das Dorf Teil der freien Welt. Gelingt es dir nicht, fällt es in fremde Hände.“

Ira nahm mit gesenktem Blick die Bedingung an. Das Dorf schwieg, niemand erhob seine Stimme.

Noch am selben Tag verließ Ira, die Sanfte ihre geliebte Heimat und zog mit dem Fürsten in die große Stadt des Westens gen untergehender Sonne.

 

Die neue Heimat

Als sie am folgendem Nachmittag die große Stadt erreichten, empfingen die Westmenschen ihre neue Fürstin mit überschwänglicher Freude. Zum frühen Abend hin, so dann erschöpft, die fürstlichen Gemächer nicht gewahr, in tiefen Schlaf verfiel.

Früh am nächsten Morgen, noch bevor geschäftiges Treiben das Schloss erwachen ließ, erkundete Ira den Schlossgarten. Obwohl alles prächtig wirkte, war nichts lebendig: Die Blumen waren aus bunten Stoffen geknüpft und die Bäume in Stein gemeißelt. Alles wirkte künstlich, selbst die  Vogelstimmen kamen aus verborgenen Kästen, kein Wind bewegte die Bäume.

Am Ende des Gartens fand sie eine kleine Kapelle.

Zaghaft in dieses halbdunkle Gotteshaus eingetreten, sah sie eine verschleierte Frau, die von ihrem Gebet sogleich auf blickte und sich mit leiser Stimme vorstellte. „Ich war einst die Fürstin dieses Landes. Nun ist dieser Ort meine einzig verbliebene Heimstatt.”

Verwundert fragte Ira:
„War?“

 „Nun bist du die Fürstin. Frisches Blut gegen altes und verdorbenes, denn ich habe meine Aufgabe nicht erfüllen können.“

Ira versprach, auf Gott zu vertrauen und ihre Pflicht im Venusdienst zu erfüllen.

Doch die alte Fürstin schüttelte nur traurig den Kopf:
 „Seit vielen Jahren verlangt die Tradition, dass die Hochzeitsnacht auf diesem Altar der Familie vollzogen wird. Der Fürst kam Nacht für Nacht hierher, bis er mich verstieß. So wie er alle seine Schwestern verstieß und gen Himmel schickte.“

Ira erschrak.

Die alte Fürstin aber sprach weiter: „Kehre ins Schloss zurück. Bei Sonnenuntergang, bade dich, salbe deinen Körper mit Myrrhe und bereite dich auf deine Hochzeit vor.“

Ira nickte und verließ schweigend die Kapelle.

 

Schrecken der fremden Welt

An diesem Tag lernte Ira die Familie ihres Gemahls kennen. Sie bestand aus sieben Brüdern; die Eltern waren längst verstorben. Schwestern gab es keine weiteren. 

Da verstand Ira, weshalb der Fürst sich so sehr eine Erbin durch eine Fremde sich wünschte.

Die Menschen des Westreiches begegneten ihrer neuen Herrin mit Respekt und Freundlichkeit. Ira bemühte sich, ihre Rolle anzunehmen, fühlte sich jedoch fremd.

Als der Abend kam, wurde sie nach alter Sitte gebadet, mit duftenden Ölen gesalbt und zur kleinen Kapelle geführt.

Vor dem Altar kniete bereits die alte Fürstin.
„Sei willkommen, meine Tochter“, sprach sie. „Trinke von diesem Wein. Er soll dich weihen und in diesen heiligen Hallen willkommen heißen.“

Ira leerte schnell den Kelch. Kurz darauf wurden ihre Glieder schwer. Gehorsam legte sie sich auf den steinernen Altar und versank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war die alte Fürstin verschwunden. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Leib. Ihr weißes Gewand war zerrissen und mit Blut befleckt.

Schweigend kehrte sie ins Schloss zurück.

Von da an wiederholte sich das Geschehen. Nacht für Nacht. Sie wurde gebadet, gesalbt, trank den Wein und erwachte am Morgen erschöpft, verletzt und mit Schmerzen.

Wochen vergingen. Mit jeder Nacht wurde Ira blasser, schwächer und stiller.

Schließlich fragte sie:
“Sagt mir, welch seltsames Werk geschieht hier? Jede Nacht falle ich in tiefen Schlaf und erwache voller Schmerzen. Verbergt Ihr mir die Wahrheit?“

Die alte Fürstin schwieg lange.
„Der Fürst kommt jede Nacht zu dir, während der Zauber dich schlafen lässt. Das Volk verlangt nach einem Erben. Doch ich fürchte, auch dich ereilt mein Schicksal. Keines meiner Kinder wollte leben.“

Ira begriff, dass nicht nur auf dem Fürstenhaus, sondern nun auch auf ihrem Dorf ein schweres Schicksal lastete.

So beschloss sie, mit dem Fürsten zu sprechen, um sein Herz zu erweichen.
Am folgenden Abend sollte ihr Plan umgesetzt sein.

Unbemerkt goss sie den zauberhaften Wein aus, legte sich wie gewohnt auf den Altar und stellte sich schlafen.

Lange geschah nichts. Nur das Murmeln der alten Fürstin füllte die Stille des kalten Gemäuers.

Erst als der Vollmond durch die Fenster schien, öffnete sich knarrend  die Tür.

Ein dunkler Schatten trat ein.

Zwischen der alten Fürstin und dem Fremden wurden Worte in einer Sprache gewechselt, die Ira nicht verstand. Wein wurde eingeschenkt, leises Lachen erklang.

Dann verstummten die Stimmen.

Plötzlich spürte Ira eine feste Hand auf ihrem zitternden Körper. Durch einen schmalen Spalt ihrer Lider erkannte sie schließlich das Gesicht des Mannes.

Es war nicht der Fürst!

Es war sein jüngster Bruder!

Reglos und voller Angst ließ sie alles weitere über sich ergehen, harrte der Morgenfrische entgegen.

In ihrem Herzen fasste sie einen Entschluss:
Am nächsten Abend würde sie die Wahrheit verlangen.

.
Der Zweifel

Am folgenden Tag erfüllte Ira still und demütig ihre Pflichten am Hof, so als wäre nichts geschehen. Freundlich begegnete sie den Menschen und auch den sieben Brüdern des Fürsten. Aber sie hat ihr Geheimnis erkannt.
Hinter ihren Blicken erkannte sie Bosheit und Gewalt. Im Volksmund nannte man sie zurecht die Rohwedders.

Noch vor Sonnenuntergang ging Ira zügig zur kleinen Kapelle.
Die alte Fürstin kniete betend vor dem Altar.
Ira trat zu ihr:   „Liebe Fürstin, sagt mir die Wahrheit. Ich glaubte, mein Gemahl käme zu mir. Nun weiß ich, dass es seine Brüder sind.“

Die alte Fürstin seufzte und wählte mit Bedacht ihre Worte:
„Kind, in diesem Land tragen die Frauen eine schwere Last. Sie müssen schweigen und gehorchen. Alle Bewohner richten sehnsüchtig ihre Blicke auf einen Thronfolger. Der Fürst selbst kann keinen Erben zeugen. Er sucht die Nähe seiner Stallburschen. Aber das eherne Gesetz der Erbfolge verlangt nach reinem Blut vom Blut der Dynastie."

Ira antwortete bekümmert:
„Der Herr hat alle Menschen gleich erschaffen. Niemand darf den anderen zur Unzucht zwingen.“

Die alte Fürstin lächelte traurig.
 „Nur weil dies ein Gotteshaus ist, geschieht hier nicht alles nach Gottes Willen. Für einen Erben werden selbst Glaube und Sitte geopfert.“

Ira begann zu schluchzen, so dass die alte Fürstin ihr sanft  über ihr Haar strich.
 „Werde baldigst Mutter, mein Kind.  Und ein glückliches Ende ist in Sicht ."

So vergingen die Tage, die Wochen, die Monate. Ira aber wurde schwächer und ein fahles Grau liest das einstige Licht aus ihrem Gesicht verschwinden. 

Als die Sorge um ihr Heil hinter der Hand flüsternd durch die Dienerschaft ging, erbarmte sich der Herrgott und 
eines Morgens hallte ein freudiger Ruf durch den Palast:
 „Die Fürstin trägt ein Kind unter ihrem Herzen!“

Große Freude erfüllte das Schloss. Glocken läuteten, und Ira wurde mit Achtung und Fürsorge behandelt. Selbst die alte Fürstin durfte in den Palast zurückkehren.

Diese beschwingte Zeit des Erwachens drang auch bald bis in die letzten Winkel des Ostreiches, dass auch dort Hoffnung und Zuversicht üppig Raum griff.
Ein nie gekannter Zauber legte sich wie frischer Schnee über alle Dächer, Gärten und Ställe des ganzen Reiches, dass andere Herrscher aus fernen Ländern begannen, sich in Neid zu üben.

So vergingen neun Monde, bis im Herbst die Stunde der Geburt nahte.


Die Erlösung

An einem trüben Herbstmorgen lag dichter Nebel über dem Palast und der verlassenen Kapelle, als die Wehen der Fürstin begannen.

Der Fürst und seine Brüder eilten herbei. Heute sollte der Fluch der Kinderlosigkeit endlich gebrochen werden.
Die Geburt zog sich bis tief in die Nacht. Die Hofgesellschaft hatte sich längst zurückgezogen. Nur die Hebammen und die alte Fürstin wachten noch, als schließlich ein Kind geboren wurde.
Sein erster Schrei erfüllte den ganzen Palast.
Erschöpft sank Ira in einen tiefen Schlaf. Sie träumte von ihrer Heimat im Osten, von ihrem Dorf und den Menschen, die sie liebte.

Als sie gegen Mittag erwachte, lag eine unheimliche Stille über dem Schloss. Draußen fielen die ersten Schneeflocken.
Die alte Fürstin trat mit einer Schale heißer Milch ein.

Ira bemerkte sofort ihre Traurigkeit.
„Fürstin, was bedrückt Euch?“

„Nichts“, antwortete die Alte leise. „Ich bringe dir Milch.“

Doch schließlich brach sie in Tränen aus.
Da wurde Ira von einer Unruhe gepackt:
 „Was ist mit meinem Baby?“

Aber die alte Fürstin schwieg, so fragte Ira noch verzweifelter:
„Sagt es mir! Was ist mit meinem Baby?“

Endlich flüsterte die alte Fürstin:
“Es ist doch nur ein Mädchen.“

Voller Freude sprang Ira in einem Ruck auf, allein um ihre Tochter mütterlich in die Arme zu schließen.
Doch die alte Fürstin hielt sie zurück.
Ira riss sich los und stürzte ins Nebenzimmer.

Sie erstarrte.

Das Kinderbett war voller Blut. Die Laken waren rot getränkt, Messer und Schwerter lagen verstreut auf dem Boden.

Kein Laut kam über ihre Lippen.

Hinter ihr hörte sie nur noch die gebrochene Stimme der alten Fürstin:
„Es war doch nur ein Mädchen.“

 

Die Buße 

Der Winter legte sich schweigend über Palast, Steingarten und Kapelle.

Der Fürst und seine Brüder verschanzten sich im Prunksaal und berieten Tag und Nacht über ihre Zukunft.

Ira hingegen zog sich zum Beten und Fasten in die Kapelle zurück. Sie verweigerte Nahrung und jeden Zuspruch. Selbst die alte Fürstin konnte sie nicht mehr erreichen.

Im ganzen Reich fürchtete man, das Weihnachtsfest werde von Trauer überschattet.

Schließlich, am Heiligen Abend, trat der Fürst in die Kapelle.

Ira kniete mit dem Rosenkranz in den Händen.

Der Fürst schickte die alte Fürstin hinaus und sprach:
„Weib, hör auf zu jammern. Iss und trink wieder, bis unser Vertrag erfüllt ist. Ich will einen Sohn. Erfüllst du deine Pflicht nicht, wird der Osten meine Strafe erfahren. Ab morgen wirst du wieder gehorsam sein. Trinke den Wein, dann wird dein Dorf frei sein.“

Er verließ die Kapelle.und ließ Ira allein zurück:
„Herr, unser Gott, warum hast du mich verlassen?“

Der Winterhimmel verdunkelte sich Tag um Tag, aber die junge Fürstin verweigerte weiterhin jede Speise.

Da ließ der Fürst aus Zorn seine Truppen gegen den Osten ziehen.

Als Ira dem Tod nahe war, klopfte es leise an die Tür.

Es war der Dorfälteste, Väterchen Baba.

Mit schwerem Herzen berichtete er:
„Krieg ist über unser Dorf gekommen. Die Häuser sind verbrannt, die Menschen vertrieben. Der Fürst fordert nur eines für unsere Heimkehr: dich. Du warst immer unsere Hoffnung. Rette uns.“

Bei diesen Worten traten Tränen in die Augen der Ira. Sie schwieg, aber eine leichtes Feuer huschte über ihre Wangen.

Plötzlich verlangte sie mit entschlossener Stimme nach Wasser und Brot.

So kehrte langsam  das Leben in sie zurück. Sie bekreuzigte sich mit einer abschließenden Geste und sprach zu sich selbst:
 „Der Herr hat mich verlassen. Nun muss ich selbst handeln. Mögen die gemeinen  Buhler kommen.“

 

Die Rache

Gleich eilte die alte Fürstin die frohe Botschaft zu verkünden, so dass Ira den zauberhaften Kelch vertauschte, sich empfangsbereit und schlafend auf den Altar niederließ.

Schon vernahm sie das Stapfen schwerer Stiefel im Schnee.

Der zweitgeborene Bruder trat ein, grobschlächtiger als alle anderen, Er war der schlimmste der Brüder, genoss er doch die Qualen seines Opfers.

Sein raues Lachen erfüllte den Raum, sein Trinken klang wie das eines durstigen Elefanten an der Wasserstelle.

Ira hörte, wie er sich seines eisernen Wamses entledigte. Grunzend legte er sich auf sein Opfer, dessen Herz vor Angst zu zerspringen drohte. Sein Atem stank, als käme er unmittelbar aus der Hölle.

Doch ehe das Schicksal seinen Lauf vollenden konnte, sackte der schwere Leib kraftlos auf den zierlichen Körper.

Ira holte tief Luft und drehte beide mit einem kräftigen Schwung, sodass der Schänder schwer atmend auf dem Rücken zu liegen kam.

In der Kapelle herrschte vollkommene Stille.

Mit einem Ruck sprang Ira vom Altar, zog den Dolch des Wichts aus seiner Lederscheide und setzte, als hätte sie niemals etwas anderes getan, die scharfe Klinge an die Männlichkeit des großen Mannes vor ihr.

Ein kleiner, lustvoller Seufzer entwich ihren Lippen, als sie mit dem Gebälk die Kapelle verließ und ihre Beute den hungernden Raben zum Fraße vorwarf.

Wie befreit schritt sie dem Palast entgegen.

Noch am Morgen herrschte winterliche Stille. Nur ein kurzer, gellender Schrei der Verzweiflung aus der Kapelle ließ die Vögel erschrocken von ihrem wohlfeilen Mahl auffliegen.

Am Abend saß die ganze Familie beim Mittagsmahl beisammen. Im Palast herrschte eine gelöste, beinahe heitere Stimmung. Die Brüder prosten einander zu, lachten und scherzten, hatten sie doch das Ostreich zu barem Gold gemacht und einem rücksichtslosen Treuhänder zum freien Walten übergeben

Nur Ira und der zweitälteste Bruder schwiegen.

Scheu warf der Entmannte der jungen Fürstin verstohlene Blicke zu. Dieser brutale Mann, der nun klein geworden, nicht den Mut fand, offen über seinen teuren Verlust zu sprechen. Sie aber betrachtete jeden einzelnen der Brüder lächelnd. Eine ihr bis dahin unbekannte Lust, eine beinahe heilige Euphorie, erhob sich in ihr. Und als sie später durch den unschuldigen Schnee zur Kapelle schritt, um den nächsten Buhler zu empfangen, schien das kleine Gotteshaus aufzuleuchten wie einst die Krippe zu Bethlehem.

So ging es bis zum Osterfest, und die Brüder verstummten einer nach dem anderen, aus Stolz nicht fähig, dem Anderen den Verlust seiner Ehre einzugestehen.

Und so legte der Erste Hand an sich und legte Zeugnis seiner Scham ab, indem er sich vom höchsten Turm des Palastes in die Tiefe stürzte.

Bis Ostersonntag folgten ihm die anderen Gedemütigten.

So wurde das Fest der Auferstehung für den Fürsten zu Tagen tiefster Trauer. Der Gram zerfraß sein Herz, bis auch er daran zerbrach und bald darauf verschied.

Ira aber lag eine große Zukunft bevor. Sie war Erbin und Herrscherin des gewaltigen Reiches geworden.

Und so lebte sie noch viele Jahre, umgeben von der alten Fürstin, den geretteten Dörflern und den vielen Frauen des Vereinigten Reiches in Glück und Eintracht. Mit ihrem Amt wandelte sich die brutale Herrschaft zur fürsorglichen Frauschaft, die über Generationen für Frieden und Wohlstand sorgen sollte.


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